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Defizite der psychotherapeutischen Versorgung

Patienten nutzen Psychotherapie zu wenig

Patienten nutzen Psychotherapie nicht selbstverständlich. Bei Beschwerden nehmen aus eigener Initiative nur drei Prozent eine Behandlung in Anspruch - das ist nicht einmal jeder Dreißigste. Diese Zurückhaltung ist einerseits mit einem Mangel an Information und Aufklärung zu erklären, anderseits mit einer Scheu vor einer psychischen Störung. Eine psychische Störung ist so vertraut wie fremd. Psychische Krisen kennt jeder, psychisch krank möchte aber keiner sein. Diese Ängste vor einer Stigmatisierung haben gravierende Folgen: Nicht behandelte psychische Störungen können jedoch chronisch werden, sind dann schwieriger zu heilen und verursachen erheblich höhere Folgekosten.

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Psychotherapeutisches Angebot mangelhaft

Jeder dritte Erwachsene erkrankt im Laufe eines Jahres an einer psychischen Störung. Das sind über 16 Millionen Menschen im Jahr. Klärt man diese Personen über ihre Erkrankung auf und macht ihnen ein Angebot zur psychotherapeutischen Behandlung, nimmt jeder Dritte dies war. Daraus errechnet sich ein Bedarf von über fünf Millionen Patienten, die jährlich einer psychotherapeutischen Behandlung bedürfen. Diesem Bedarf von fünf Millionen Patienten stehen etwa 700.000 ambulante und stationäre Behandlungsplätze gegenüber.

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Grund 1: Hausärzte erkennen psychische Krankheiten nicht

Studien belegen, dass etwa 20 bis 35 Prozent der Patienten, die einen Hausarzt aufsuchen, psychische Störungen haben. Hausärzte diagnostizieren jedoch nur bei etwas mehr als der Hälfte dieser Patienten eine behandlungsbedürftige psychischen Erkrankung. Jede zweite psychische Störung bleibt unerkannt und ohne psychotherapeutische und/oder pharmakologische Therapie. Zwischen dem Auftreten der ersten psychischen Beschwerden und dem Beginn einer psychotherapeutischen Behandlung vergehen häufig fünf Jahre, in denen aus den Beschwerden schwere chronische Krankheiten werden können, die schwieriger zu heilen sind und die erheblich höhere Kosten verursachen.

Diese schlechte Erkennungsquote konnte auch durch die Einführung einer so genannten "psychosomatischen Grundversorgung" nicht nachhaltig verbessert werden. Durch diese berufsbegleitende Weiterbildung von 80 Stunden können sich Ärzte zur Basisdiagnostik und -therapie psychischer Störungen qualifizieren und Leistungen mit den gesetzlichen Krankenkassen abrechnen. Es mangelt weiterhin an einer systematischen kontinuierlichen Fortbildung in diesem Feld. In diesem Zusammenhang fordern die Psychotherapeuten unter anderem eine stärke Nutzung von Screeningverfahren in der hausärztlichen Versorgung, mit denen psychische Störungen zuverlässig und ökonomisch erfassen werden können.

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Grund 2: Viele Allgemeinkrankenhäuser verfügen nicht über genügend psychotherapeutisch qualifiziertes Personal

Krankenhäuser stellen jährlich bei rund 900.000 Patienten psychische Störungen (ICD-10 Diagnosen) fest. Etwa drei Viertel dieser Patienten wurden in hierfür qualifizierten Fachabteilungen und Fachkrankenhäuser behandelt. Dagegen wurde etwa ein Viertel der stationären Patienten in Allgemeinkrankenhäusern behandelt, in denen in der Regel kein ausreichendes Personal zur qualifizierten Diagnostik und Therapie psychischer Störungen arbeitet. Auch die Vernetzung mit qualifizierten ambulanten und stationären Einrichtungen ist häufig unzureichend.

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Grund 3: Wartezeiten bei niedergelassenen Psychotherapeuten zu lang

Erwachsene Patienten warten durchschnittlich knapp zwei Monate, bis sie mit einem niedergelassenen Therapeuten über ihre psychische Erkrankung sprechen können (diagnostisches Erstgespräch). Die Behandlung beginnt durchschnittlich erst nach fast fünf Monaten.

Nur knapp die Hälfte aller Patienten, die wegen eines ersten Gesprächs anfragen, erhalten überhaupt einen Termin. Etwa 40 Prozent begannen nach den ersten fünf Probesitzungen eine Therapie. Bei 20 Prozent dieser Patienten lag die Voraussetzungen für einer psychotherapeutische Behandlung nicht vor, zehn Prozent wurden stationär eingewiesen, 20 Prozent lehnten von sich aus eine Behandlung ab und 50 Prozent wurden vom Therapeuten abgewiesen. Dabei werden vor allem Schmerzpatienten und Suchtkranke häufig nicht in Behandlung genommen.

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Grund 4: Besondere Engpässe im Osten

In Ostdeutschland herrscht eine deutliche Unterversorgung und unmittelbarer Handlungsbedarf. In den neuen Bundesländern kommen auf 100.000 Einwohner fünf bis acht niedergelassene Psychotherapeuten. In den alten Bundesländern sind es zwischen 15 und 26 Psychotherapeuten. Die beste Versorgung weisen die Stadtstaaten Berlin, Bremen und Hamburg auf, in den zwischen 40 und 50 Psychotherapeuten auf 100.000 Einwohner kommen. Aber auch innerhalb dieser Städte sind erhebliche regionale Unterschiede in der Versorgungssituation zu beklagen. Gerade in den sozial schwächeren Stadtteilen ist die Versorgung unzureichend.

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Grund 5: Kinder- und Jugendliche zunehmend gefährdet

Psychische Störungen erreichen bei Kindern und Jugendlichen ein erschreckendes Ausmaß. Fast jedes fünfte Kind leidet innerhalb eines Beobachtungszeitraums von sechs Monaten an einer psychischen Störung. Von rund 10.000 Münchner Schulanfängern zeigten im Jahr 1997 rund 17 Prozent intellektuelle Beeinträchtigungen und Verhaltensauffälligkeiten. In Jena, Heidelberg und Köln fiel bei der Schuleingangsuntersuchung für das Jahr 1997/98 jedes achte Kind z. B. durch aggressives Verhalten und Aufmerksamkeitsprobleme auf.

Psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen können sich bis ins Erwachsenenalter chronifizieren und haben massive negative Konsequenzen auf schulische und berufliche Bildung, soziale Integration und Persönlichkeitsentwicklung der Betroffen. Bei ihrer Entstehung spielen sozioökonomische Benachteiligungen eine zentrale Rolle (Familieneinkommen, Migration, Geschlecht). Für ihre Versorgung ist vor allem das niedrigschwellige Angebot der psychosozialen Beratungsstellen von entscheidender Bedeutung. Insgesamt ist davon auszugehen, dass jedes Jahr rund 160.000 Kinder und Jugendliche erstmals psychotherapeutisch behandelt werden.

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