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Was ist psychisch krank?

Die Sicht des Patienten

"Ich komme mir vor, als sei mir der Sprit ausgegangen." -"Ständig geht mir etwas im Kopf herum, und wenn ich schlafe, bin ich trotzdem nicht ausgeruht." - "Ich bin ständig niedergeschlagen."

Psychische Krisen kennt jeder, psychisch krank möchte aber keiner sein. Vor seelischem Leid schrecken wir zurück. Es ist zu bekannt und zu fremd. "Ich bin doch nicht verrückt!", ist häufig die erste Reaktion. Doch irren ist menschlich.

Psychische Leiden zu erkennen und zu behandeln, ist genauso wichtig, wie ein Magengeschwür zu diagnostizieren und therapieren. In vielen Fällen sind psychische Störungen sogar gravierender als die meisten körperlichen Erkrankungen und beeinträchtigen massiv den beruflichen und familiären Alltag. Sich selbst und der Welt seelisch gewachsen zu sein, kann vieles bewirken - es hat einen entscheidenden Einfluss darauf, wie zufrieden wir mit dem eigenen Leben sind.

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Die Sicht des Psychotherapeuten

Psychotherapeuten sprechen von psychischen Störungen, um zu beschreiben, wie Personen darunter leiden, dass sie anders denken, fühlen oder handeln als die meisten anderen Menschen. Das kann sich darin ausdrücken, dass die Person bestimmte Gefühle, z.B. Freude, Liebe, nicht mehr empfinden kann, dass andere Gefühle wie Angst oder Traurigkeit das eigene Leben bestimmen oder dass Sie ständigen Gefühlsschwankungen ausgesetzt sind. Auch das Denken, die Konzentrationsfähigkeit oder die Fähigkeit, zu entscheiden und zu handeln, können als stark eingeschränkt oder wenig kontrollierbar erlebt werden. Psychische Störungen können sich aber auch in Form körperlicher Beschwerden, wie Verspannungen, Müdigkeit, Schmerzen, Schlaflosigkeit ausdrücken.

Typische Eigenschaften von psychischen Störungen sind, das

  • sie sehr eingeschränkt willentlich zu steuern sind,
  • sie länger dauern,
  • sie Leiden verursachen,
  • sie das Leben beeinträchtigen (Beruf, Partnerschaft, Familie),
  • sie nicht selten lebensgefährlich sind (Magersucht, Suizidgefahr).

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Die wissenschaftliche Einteilung: ICD-10

In Deutschland ist die "Internationale Klassifikation von Krankheiten" (ICD-10) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) das verbindliche System zur Einteilung körperlicher und psychischer Erkrankungen. In einem eigenen Kapitel des ICD-10 werden die psychischen Krankheiten beschrieben. Die verschiedenen psychischen Störungen werden danach unterschieden, an welchen aktuellen Symptomen ein Patient leidet. In vielen Fällen liegen bei Patienten mehrere psychische Störungen gleichzeitig vor. Die Einteilung der psychischen Störungen richtet sich also nicht nach den Ursachen und Entstehungsbedingungen einer Erkrankung.

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Was sagt eine Diagnose?

Der Psychotherapeut stellt aufgrund der Symptome, an denen ein Patient leidet, fest, ob eine und welche psychische Störung besteht. Nachdem der Patient von sich aus seine Beschwerden geschildert hat, wird der Psychotherapeut hierzu in einem oder mehreren Gesprächen gezielt Fragen nach bestimmten psychischen und körperlichen Symptomen stellen. Ergänzend werden Patienten oft gebeten, Fragebögen zur Lebens- und Krankheitsgeschichte sowie zu bestimmten Symptomen und Problemen auszufüllen.

Die Diagnose ist für beide wichtig: Die Diagnose ist für den Therapeuten von Bedeutung für die weitere Behandlungsplanung. In einem ersten Schritt kann der Therapeut mit dem Patienten ein Verständnis für die Art der psychischen Störung erarbeiten. Darauf aufbauend können dann die geeigneten Behandlungsmöglichkeiten besprochen werden.

Für den Patienten, der sich häufig selbst nicht mehr versteht, kann diese erste Beurteilung seiner Krankheit Halt und Hoffnung bedeuteten. Sie kann der Wendepunkt in einer schon längeren Leidensgeschichte sein. Es wird zugleich deutlich, dass eine Besserung möglich ist. Dadurch, dass die psychische Störung einen Namen bekommt, weiß der Patient auch genauer, woran er ist. Er kann sich über seine Erkrankung besser informieren und er kann in Selbsthilfegruppen andere finden, denen es ähnlich geht.

Diagnosen können aber auch beunruhigen, in dem Gefühl auf etwas festgeschrieben oder gebrandmarkt zu sein. Immer noch werden in unserer Gesellschaft Menschen mit psychischen Störungen diskriminiert. Sie sollten, wenn Sie Zweifel an der Bedeutung und den Auswirkungen ihrer Diagnose haben, unmittelbar mit Ihrem Therapeuten darüber sprechen. Er kann Ihnen dann auch erklären, wie die Diagnose einer psychischen Störung zu verstehen ist: als wissenschaftlich begründete Annahme über die Art ihrer psychischen Beschwerden und den wahrscheinlichen Verlauf - mit und ohne Therapie. Eine Diagnose ist dabei keine endgültige Festlegung. Ziel einer jeder psychotherapeutischen Behandlung ist es letztlich, wieder einen Zustand zu erreichen, bei dem Ihre psychischen Beschwerden soweit gebessert sind, dass der Psychotherapeut nicht mehr von einer psychischen Störung spricht.

Die psychische Störung kann dabei sehr unterschiedliche Ursachen haben. Meist spielen mehrere Faktoren eine wichtige Rolle. Dabei kann es sich zum Beispiel um Erfahrungen und Erlebnisse in der Kindheit, chronische familiäre oder berufliche Belastungen, genetische Vorbelastungen, chronische körperliche Erkrankungen, ungünstige soziale Lebensbedingungen oder akute belastende Ereignisse handeln. Das Verständnis für die Bedingungen, die zum Entstehen und zur Aufrechterhaltung der psychischen Störungen geführt haben, wird im Verlauf der Therapie weiter vertieft.

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Häufigkeit psychischer Störungen

Nach Statistiken der Weltgesundheitsorganisation (WHO) leidet weltweit jeder vierte Patient, der eine ärztliche Praxis aufsucht, an einer behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankung. Eine repräsentative Studie in Deutschland im Jahr 1998 stellte fest, dass circa 31Prozent der erwachsenen Bevölkerung im Laufe eines Jahres an einer psychischen Störung leiden. Am weitesten verbreitet sind insbesondere Angststörungen (14 Prozent), affektive Störungen, darunter insbesondere depressive Erkrankungen (elf Prozent) und somatoforme Störungen wie Schmerzsyndrome und psychosomatische Erkrankungen (zwölf Prozent). Frauen sind, mit Ausnahme der Suchterkrankungen, insgesamt deutlich häufiger von psychischen Störungen betroffen als Männer. Die deutlichsten Geschlechtsunterschiede finden sich bei Angststörungen und somatoformen Störungen (körperliche Beschwerden ohne ausreichende organische Ursachen): Frauen sind davon doppelt so häufig betroffen wie Männer. Knapp 40 Prozent der Personen, bei denen eine psychische Störung diagnostiziert wurde, wies dabei mehr als nur eine psychische Störung auf.

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